Bitcoin pendelt seit Wochen um die 64.000 Dollar — weit weg vom Hoch des vergangenen Oktobers und mitten in der Zone, in der sich Bullen und Bären öffentlich streiten, ob hier der Boden eines gesunden Zyklus liegt oder erst die Mitte eines Abstiegs.
Die Bullen-Seite hat prominente Namen. Standard Chartereds Digital-Assets-Chef Geoff Kendrick hat den Call von 100.000 Dollar zum Jahresende diese Woche ausdrücklich bekräftigt. Dazu muss man allerdings wissen: Kendrick startete 2025 mit 300.000, senkte im Dezember auf 150.000 und im Februar auf 100.000 — die Richtung seiner Revisionen zeigte bisher konsequent nach unten. Substanzieller ist das strukturelle Argument von Bitwise-CIO Matt Hougan: Der klassische 4-Jahres-Zyklus sei durch ETFs und institutionelle Käufer außer Kraft gesetzt, Rücksetzer wie der aktuelle seien in diesem Regime Kaufgelegenheiten. Bernstein (200.000) und Citigroup (143.000 Basisszenario) argumentieren ähnlich — beide Ziele stammen allerdings noch aus dem Dezember.
Die Bären-Seite kommt mit unbequemer Zyklus-Arithmetik. Fidelity-Stratege Jurrien Timmer hält den Zyklus schlicht für abgeschlossen: Top im Oktober 2025, danach ein Übergangsjahr — sein Korridor von 65.000 bis 75.000 Dollar beschreibt die aktuelle Realität bislang am besten. Dazu passen stockende Treasury-Käufe (Strategy pausiert bereits zum wiederholten Mal), Bitcoin-ETF-Abflüsse im Jahresverlauf bei gleichzeitiger Rotation Richtung Ethereum, und JPMorgans einst als „harter Boden" ausgerufene 94.000 Dollar, die längst Geschichte sind. Chart-Veteran Peter Brandt formuliert den Worst Case: gebrochene Parabeln enden historisch selten glimpflich.
Der nüchternste Schiedsrichter ist der Prognosemarkt: Polymarket-Trader geben 100.000+ bis Jahresende nur 11 Prozent, einen Rutsch unter 55.000 dagegen 74 Prozent — bei zweistelligem Millionenvolumen ist das kein Bauchgefühl, sondern eingesetztes Geld.
Unsere Einordnung: Das Basisszenario für den Rest von 2026 ist eine volatile Seitwärtsphase grob zwischen 55.000 und 80.000 Dollar, mit größerem Abwärts- als schnellem Aufwärtsrisiko. „Buy the Dip" ist damit vor allem eine Frage des Horizonts: Als langfristige Position lässt sich der Einstieg auf diesem Niveau begründen — als Wette auf schnelle 100.000 bis Silvester spricht die Datenlage dagegen. Wer kauft, sollte einkalkulieren, dass der Markt selbst einen weiteren Rutsch Richtung 55.000 für das wahrscheinlichere Ereignis hält.
